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68 | 1999

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vergriffen
  ROLF SACHSSE
Marginalien zur Fotografie. Vom Ende der Zentralperspektive und vom Anfang eines neuen Sehens


(...) Menschliche Augen sind ständig in Bewegung. Stillhalten hat also eine Bedeutung des Außergewöhnlichen. Hier liegt inzwischen die Aufgabe und Chance der Fotografie, hier ist ihre kultische Referenz gelandet. Niemand braucht mehr den Ort, an den ein Bild gebunden war das Tafelbild ist nur unwesentlich älter als die Zentralperspektive. Die Verfügbarkeit von Bildern an jedem nur denkbaren Platz in der Welt, und zwar immer auch derselben Bilder, begründete den Ersten Weltkrieg als solchen nur im Nachhinein. Der Bildertausch selbst hat die Rolle des Bewegens übernommen, vor und nach und neben Film und Television. Für die Fotografie sind die Tableaux relevant, Anordnungen mehrerer Bilder zur synchronen oder mindestens sprunghaft diachronen Wahrnehmung. Das leistet gerade das Internet, und deshalb sind dort die kleinen Bilder allgegenwärtig. Der Gag animierter Darstellungen verbraucht sich hier schnell, die Entdeckung einzelner Elemente auf Teppichen gleichwertiger Blicke zählt dafür umso mehr. Entscheidender Unterschied: Die Bildflächen sind keine Montagen mehr und funktionieren weder von der Produktion noch ihrer Rezeption her so. Es sind mehr oder minder zufällige, chaotisch sich emergierende Assoziationsketten visueller Eindrücke, die jeder für sich in einfacher Zentralperspektive bestehen bleiben, aber insgesamt keine gebrochene Perspektive des Sehens und Seins zu formulieren vorgeben.
Das fotomechanische Abbilden kann auf die Zentralperspektive nicht verzichten. Sie hat aber einen eindeutigen Bedeutungswandel vollzogen. Aus der Versicherung eines objektiv überprüfbaren Raum-Zeit-Kontextes als Folie des abgebildeten Geschehens ist das beliebig assoziierbare Element eines topologischen Archivs oder Gedächtnisses geworden. Dieses Element ist ohne die Existenz Hunderttausender anderer nicht vorstellbar und von daher selbst nur gering bedeutend. Es setzt schlicht das nächste Element frei, das wiederum das folgende abrufen lässt und so weiter und so fort. Damit entspricht das Tableau der Bilder immer auch der Augenbewegung vor ihm wenn man nah genug herangeht. Wie die Fixierung in Brunelleschis Spiegel-Apparat ist die daraus resultierende und von der Fotografie ungefragt übernommene Zentralperspektive eine strenge Übung, die mit unserer Existenz auf dem Planeten nur eine mikroskopisch kleine Einheit der Wahrnehmung gemein hat. Ein fotografisches Bild muss in sich selbst begründen, warum es sich aus dem Kontext der vielen Bilder heraus wagt ? ein schöne Aufgabe für die Künstler.




Textbeitrag in Camera Austria 68/1999, Seite 48.
 


 
 
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