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106 | 2009

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  Erneut spannt Camera Austria mit diesem Heft Nr. 106 einen Bogen zwischen auf den ersten Blick inhaltlich, wie auch ästhetisch und konzeptuell sehr verschiedenen Positionen. Die Künstlerbeiträge und die sie begleitenden Essays in diesem Heft greifen Fragen auf, die in der aktuellen Debatte um die künstlerische und gesellschaftspolitische Relevanz der die Wirklichkeit abbildenden Medien zentrale Bedeutung haben. Die Beiträge in diesem Heft stellen den Anspruch, Kunst als gesellschaftlich notwendige Arbeit zu verorten, deren politische Bedeutung jedoch nicht in der direkten Abbildung sozialer Fakten liegen muss, sondern eher im Freilegen von Wahrnehmungs- und Beschreibungs-Schichten, in denen Erfahrung festgemacht und geteilt werden kann.
Ein kritisches, widersprüchliches Verhältnis zum Visuellen zeichnet die konzeptuelle Fotografie der tschechischen Künstlerin  Markéta Othová aus. Ihre variantenreiche und sensible Arbeit – fast ausschließlich Schwarzweiß-Fotografien – umkreist Fragen der Wahrnehmung und der Glaubwürdigkeit des Wahrgenommenen. Denn "dass ein Foto indexikalisch ist heißt nicht, dass es wirklichkeitsgetreu ist", wie Karel Císarˇ in seinem Essay über die Künstlerin ausführt. Als ein Beispiel führt er ihr Diptychon "Ohne Titel, 2008" an: "Othová hat dafür ein Blumenarrangement einmal vor einem dunklen und einmal vor einem hellen Hintergrund fotografiert, so dass das Objekt im ersten Foto als hell und im zweiten als dunkel erscheint. Werden sie nebeneinander gezeigt neigen wir dazu, die beiden unabhängigen Bilder als Positiv und Negativ wahrzunehmen".
Die kritisch-dokumentarischen Arbeit des nigerianischen Fotografen George Osodi wird wohl am eindrucksvollsten in einer aus 200 Diapositiven bestehende Projektion gezeigt, die er aus 2003 – 2007 entstandenen Bildern zusammengestellt hat. Aus diesem Bildessay zeigen wir hier einen Ausschnitt: Sein Thema ist das Nigerdelta, das zu den reichsten Erdöl-Fördergebieten der Welt gehört. Im Widerspruch zum Reichtum, der für Nigeria hier gewonnen wird, steht die soziale, ökologische und ökonomische Verelendung dieser Region. George Osodi beschreibt die Auswirkungen jahrzehntelanger Ausbeutung auf die "wirklichen Menschen" wie er sagt. "In letzter Zeit hatte das Erdöl ziemlich paradoxe Folgen für das Leben in den meisten Ölförderregionen […] Diesem verlorenen Paradies möchte ich ein menschliches Gesicht geben". Die starke Wirkung seiner Einzelbilder stellen die Arbeit in den Zusammenhang eines kritischen Journalismus, der nigerianische Künstler und Philosoph Frank Ugiomoh versucht in einer ästhetischen und bildrhetorischen Annäherung den subjektiven Gestus des Fotografen vor dem Hintergrund des politischen und historischen Kontexts, in dem diese Arbeit entstanden ist, auf die Spur zu kommen.
Als dritte Position stellen wir die filmischen und installativen Arbeiten des polnischen, in Wien lebenden Medienkünstlers Dariusz Kowalski vor, in deren Zentrum Überwachungs- und Beobachtungsbilder stehen, die aus dem Datenfluss des Internet stammen. Er führt jedoch ""deren visuelle Grammatik mit klassischen Stereotypien des Dispositivs der Kontrolle keineswegs linear in einen politisch kodierten Diskurs der Überwachung über, sondern wirft grundsätzliche Fragen nach Raumerfahrung und Verortung des Subjekts innerhalb einer panoptisch organisierten Geografie auf", wie Roland Schöny in seinem Text zu dieser Arbeit ausführt.
Neben den ProtagonistInnen dieser Hauptbeiträge danken wir allen KünstlerInnen, AutorInnen und ÜbersetzerInnen, die dieses Heft durch ihre Beiträge mit gestaltet haben: Wir freuen uns sehr, dass auch diese Ausgabe von Camera Austria wiederum das internationale und tragfähige Netzwerk abbildet, ohne das ein Projekt wie Camera Austria nicht realisiert werden könnte. Unseren LeserInnen, AbonnentInnen und AnzeigenpartnerInnen danken wir herzlich für das kontinuierliche Interesse und freuen uns darauf, Sie vielleicht demnächst auf den Kunstmessen in Basel zu treffen!

Christine Frisinghelli
Mai 2009
 
GEORGE OSODI, Ogoni Boy, 2007.


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