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103-104 | 2008

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€ 24.-
  MICHAEL PONSTINGL
Sissi Farassat. Posen Er-fahren, Posen Durch-Leben


Mit ihren zwei jüngsten Werkkomplexen entwickelt die iranisch-österreichische Künstlerin Sissi Farassat thematisch und formal schlüssig ihre bisherige Arbeit weiter, die um (weibliche) Identität – deren mediale und soziale Verfasstheit sowie konstitutive Blickdispositive – kreist. Das Ausgangsmaterial der ersten Serie bildet ein auf dem Flohmarkt aufgespürtes Konvolut von etwa 200 Kleinbilddiapositiven aus den 1960er-Jahren. Hierbei handelt es sich um private Aufnahmen einer unbekannten dreiköpfigen Familie, vermutlich aus Wien. Nach dem Umkopieren auf Fotopapier beginnt die systematische Bearbeitung der Bilder, indem die Umrisslinien der abgebildeten Personen nachgezogen, präziser: mit einem neongelben Faden bestickt werden. Die Künstlerin belässt es jedoch nicht beim Herausstreichen, hier einem wahrhaftigen Pointieren von Inhalten, sondern sie setzt einen entscheidenden Schritt in die konzeptuelle Abstraktion. Öffentlich präsentiert wird die Arbeit verkehrt herum: Die Fotorückseite mutiert zur sogenannten Schönseite, also zur bildgebenden Seite. In ihrem Layout führt uns die Künstlerin eingangs vor, wie das Zeichenregime funktioniert, indem sie Vorder- und Rückseite gleichzeitig unterbreitet. In der Folge bleibt durchgängig verwehrt, was mehrheitlich Betrachterinnen und Betrachter, sobald sie wenigstens einen Zipfel eines Fotos ausmachen, sehnlichst herbeiwünschen: seiner meist glänzenden und vielfarbigen Frontseite ansichtig zu werden.
Sozusagen im Tausch für das (vermeintliche) Versprechen fotografischer Bilder, Konkretes, Anschaulichkeit und zudem, wenn man so will, den indexikalischen Schauer zu liefern, “verspricht” die Künstlerin eine andere indexikalische Zeichenrelation, nämlich die, die der Faden mit der umseitigen Abbildung unterhält. Ob freilich der Faden tatsächlich immer die Silhouette von etwas foto-grafisch Gegebenem wiedergibt, sei dahingestellt, da die Gelegenheit zur Überprüfung fehlt – und es ist letztlich auch ohne Belang. Unmittelbare visuelle Evidenz allein, so es das überhaupt gäbe, genügt nicht, um etwas als “Abdruck”, als indexikalische Spur (und nicht etwa als symbolischen oder ikonischen Kode) zu identifizieren. Dazu bedarf es schon eines Einblicks in die Mechanismen von Signifikation, mithin eines spezifischen Wissens, das in unserem Fall nicht endgültig zu haben ist. Gegen jedwede Naturalisierung der Beziehungen, die zwischen Realität und Zeichen herrschen, pocht die Arbeit auf das im (auch wissenschaftlichen) Alltag gern “verdrängte” Theoretisch-Konstrukthafte dieser Beschreibungen/Erklärungen. Weniger die “Spur” als solche als vielmehr der authentifizierende Wert, den man ihr weithin und auch in vielen theoretischen Modellierungen des Mediums Fotografie seit Jahrzehnten zubilligt, steht zur Disposition.


Textbeitrag in Camera Austria 103-104/2008, Seite 43.
 
SISSI FARASSAT, aus der Serie: Die Müllers, 2008. C-Prints mit Nähseide, je 45 cm x 30 cm.


 
 
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