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85 | 2004

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€ 14.-
  REINHARD BRAUN
Eine Belichtung der Fotografie: Die "Exposures" von Barbara Probst


In Barbara Probsts Serie "exposure" wird ein flüchtiger Moment für mehrere Kameras ausgestellt: Belichtung, Freilegung, Aufdeckung und Enthüllung als Synonyme für die fotografische Praxis werden inszeniert und zugleich relativiert. Die Künstlerin bezieht sich damit gerade auf das fotografische Paradigma der Faktizität des Augenblicks, doch fächert sie diesen Augenblick in unterschiedliche Perspektiven auf, die jede für sich zugleich wahr und ungenügend sind. Die Faktizität wird in den mehrteiligen und großformatigen Tableaus als ein Konstrukt der Fotografie selbst in Szene gesetzt. Die "exposures" zeigen, dass Auslassungen und Widersprüche, dass jedenfalls Ersetzungen und Aneignungen Teil der fotografischen Praxis selbst sind, sie verweisen darauf, wie ein Bild nicht einfach nur etwas zeigt, sondern zugleich etwas anderes, ein anderes Bild zum Verschwinden bringt – andere Bilder, die bei Barbara Probst dann auch nicht bloß eine »genauere« Beschreibung liefern, sondern zum Teil gänzlich andere Lesarten der – im übrigen in jedem Fall für die Kameras inszenierten – Situation nahelegen. In dieser sich zum Teil widersprechenden Konfrontation von "Belichtungen" ein und derselben Situation kommentieren sich die Bilder nicht gegenseitig, sie verweisen mitunter auf völlig entgegengesetzte Kontexte und eröffnen damit einen Kommentar zur Konnotation des Fotografischen, indem sie das Denotat nicht bloß verzeichnen, sondern geradezu auflösen: Ist die nächtliche Szene im Wald ("exposure #8") nun als abenteuerlicher und spielerischer Ausflug eines jungen Mädchens zu lesen oder als "crime scene"? Ist die flüchtig skizzierte Situation dreier Personen auf einem Hausdach ("exposure #17") das Resultat einer ästhetischen Idee oder sind wir Zeugen der bevorstehenden Eskalation einer Dreiecksbeziehung, deren Bedeutug uns bloß nicht einsichtig werden kann in den zwei Bildern, die uns die Künstlerin zu sehen gibt? Warum die abwehrende Geste einer der beiden Frauen? Hat es eine Bedeutung, dass gerade sie zusammen mit dem Mann im Vordergrund aus demselben "Blickwinkel" en face in die Kamera blickt (und nicht die zweite Frau im Vordergrund)?
Barbara Probst verstrickt uns in verschiedene mögliche Leseweisen; gerade, indem sie offensichtlich einen bestimmten Zeitpunkt in den jeweiligen Serien fokussiert, lenkt sie das Augenmerk auf ein zeitliches Davor oder Danach, lenkt sie von der Bedeutung dieses verbildlichten Augenblicks ab und die Aufmerksamkeit auf die Konstruktion einer Dauer, die den Sinn der Handlung oder der Szene überhaupt erst herstellen, d.h. nicht zu sehen, aber zu denken geben vermag.


Textbeitrag in Camera Austria 85/2004, Seite 7-18.
 
BARBARA PROBST, exposure #16: N.Y.C., 249 W 34th St, 12.07.02, 4:29 p.m., 2002. Ultrachromeink auf Baumwollpapier, je 100 cm x 66,6 cm.


 
 
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